
Über Ishibadate
Ishibadate (石場建て) ist eine traditionelle japanische Bauweise, bei der lokale, natürliche Materialien mit der Handwerkskunst erfahrener Handwerker kombiniert werden. Sie zeichnet sich durch handbearbeitete Holzständer aus, die auf einem Fundament aus halb eingegrabenen Natursteinen stehen, durch Balken, die mit traditionellen Holzverbindungstechniken gefügt werden, und durch Wände aus Lehmflechtwerk, bestehend aus einem geflochtenen Bambusgitter unter einer Mischung aus Lehm, Ton, Sand und Stroh.
Der Wert eines Ishibadate-Hauses liegt in den Freuden, die es verkörpert: der Freude, ein Zuhause zu prägen, und der Freude, den Erdboden zu pflegen.
Das Aufsetzen der Ständer auf den Fundamentsteinen und die Freilegung der strukturellen Elemente ermöglichen es dem Haus zu atmen. Ein Haus, das atmet und bewohnt wird, reift mit der Zeit zu einem Zuhause mit tiefgründigem Charakter.
Unter den Fundamentsteinen liegen kleinere Natursteine sowie verkohlte Holzpfähle. Durch diesen Aufbau kann Wasser in den Boden einsickern, anstatt abzufließen, sodass das gesamte Regenwasser in den Boden zurückgeführt wird und die Erde atmen kann. Atmender Boden entwickelt sich durch die Kraft von Pflanzen und Pilzmyzel mit der Zeit zu einem reichhaltigen, biodiversen Boden.
„Im Reifen des Charakters von naturbelassenem Holz und Lehmflechtwänden,
wächst die Vielfalt von Pflanzen, Vögeln und Insekten immer fort.“
Ein Ishibadate-Haus, das Freude am Prägen und Pflegen vermittelt, wird zu einem von der Familie geschätzten Zuhause und über Generationen hinweg weitergegeben.

Die sechs Elemente eines Ishibadate Hauses
1.Kigumi

Das für eine Kigumi-Konstruktion verwendete Holz stammt von Bäumen, die in den nahe gelegenen Bergen kultiviert, gefällt und anschließend naturgetrocknet werden. Die Zimmerleute wählen für jeden Teil der Konstruktion das am besten geeignete Holz aus, markieren es von Hand mit Werkzeugen wie einem Sumitsubo (墨壺) – einer Schlagschnur, die mit Sumi (墨)-Tinte markiert – und bringen es von Hand in die für die komplexen Holzverbindungen erforderliche Form.
In Kigumi-Häusern werden kein Sperrholz, Metallbeschläge oder Bolzen verwendet, sondern es werden die elastischen, geschmeidigen, starken und schönen Eigenschaften des Holzes genutzt, aus dem sie hergestellt sind. Bei Erdbeben kann die ineinandergreifende Holzkonstruktion die Kraft aus dem Boden absorbieren, sich entsprechend den Erschütterungen verschieben und bewegen und so die Schäden an der gesamten Struktur reduzieren.
„Japans traditionelle Häuser,
ewig bestehend.“
Entscheidend für die Langlebigkeit von Häusern sind sowohl physische Beständigkeit als auch zeitloses Design. Konstruktionen, die nicht für eine jahrzehntelange Nutzung ausgelegt sind, oder Designs, die innerhalb weniger Jahre veralten, sind unnötig.

2.Tsuchikabe

Tsuchikabe ist auch für Kinder unbedenklich und eine Hausbaumethode, die wir von ganzem Herzen als „wirklich sorgenfrei“ empfehlen können. Diese Wände bestehen aus Holz, Bambus, Lehm, Ton, Sand und Stroh – Materialien, die alle wieder in den Kreislauf der Natur zurückkehren – und hinterlassen daher keine Abfälle für die Zukunft.
Tsuchikabe ist nicht nur eine erdbebenresistente Konstruktion, sondern auch eine dekorative Oberfläche und ein Material zur Wärmespeicherung und Feuchtigkeitsregulierung.
Aufgrund ihrer Wärmespeichereigenschaften halten Tsuchikabe-Wände im Sommer nachts die kühle Luft im Haus, und speichern im Winter die Wärme der Sonne und, zum Beispiel, die Hitze eines Holzofens.
Dank ihrer feuchtigkeitsregulierenden Eigenschaften nehmen Tsuchikabe-Wände im Sommer Feuchtigkeit auf, senken dadruch die Luftfeuchtigkeit, und geben im Winter Feuchtigkeit ab, wodurch eine angenehme Luftfeuchtigkeit gewährleistet wird.
Das atmende Tsuchikabe-Haus ist für einen Lebensstil im Einklang mit natürlichen Energien unverzichtbar.

3.Ishibadate

Die Ishibadate-Konstruktionen, die man in alten Volkshäusern und Schreinen sieht, besteht aus Holzständern, die frei auf den Fundamentsteinen stehen, ohne mit ihnen verankert zu sein.
Der Raum unter dem Fußboden ist offen und erstreckt sich unter dem gesamten Haus, ohne Betonsockel oder -streifenfundament. Dieser „schwebende” Aufbau, En no Shita (縁の下) genannt, ermöglicht eine freie Luftzirkulation unter dem Haus, wodurch die Holzständer und -balken vor einer längeren Feuchtigkeitsansammlung geschützt werden. Außerdem kann sich die gesamte Holzkonstruktion des Hauses bei einem Erdbeben verschieben und bewegen, wodurch es wesentlich widerstandsfähiger ist als ein Haus mit solidem Betonfundament.
Die Ishibadate-Bauweise, bei der die Fundamentsteine auf Holzpfähle und kleine Natursteine gesetzt werden, hinterlässt keine Abfälle für die Zukunft.
Ishibadate ist nicht auf Fundamente aus Stahl oder Stahlbeton, die nicht länger als 100 Jahre halten, angewiesen.
Das En no Shita lässt Wind und Sonnenlicht unter dem Fußboden hindurch, wodurch das Haus vor Termitenbefall und dem Verfaulen der Holzkonstruktion geschützt wird.
Bei Erdbeben verschieben sich die Holzständer und bewegen sich auf den Fundamentsteinen um die Kräfte abzuleiten – eine Tradition, die in japanischen Häusern seit langem fortbesteht.
„Die Stäken einer Kigumi-Konstruktion und Tsuchikabe-Wänden kommen nur auf einem Ishibadate-Fundament voll zur Geltung.“

4.Shinkabe

In einem Haus mit Shinkabe-Wänden verschmelzen Konstruktion und Ästhetik zu einer Einheit. Die freiliegenden Balken und Ständer machen die Konstruktion sichtbar und erwecken im Betrachter ein Empfinden von eleganter und zugleich robuster Schönheit.
Lebendige Naturmaterialien atmen, wenn sie Wind und Sonnenlicht ausgesetzt sind, und reifen so zu Häusern mit tiefgründigem Charakter heran.
Die Shinkabe-Bauweise versteckt keine ihrer Bestandteile, wodurch sich beschädigte Stellen frühzeitig erkennen und reparieren lassen, und somit ein Ausbreiten oder Verschlimmern des Schadens verhindert werden kann.
Häuser, die von Handwerkern handgebaut wurden, können von zukünftigen Handwerkern über Jahrhunderte hinweg repariert und über Generationen hinweg weitergegeben werden.
In Japan, einem Land mit häufig auftretenden Naturkatastrophen, ist der Schlüssel zu langelebigen Häusern, die über Generationen hinweg Bestand haben, eine Bauweise, die Reparaturen bei Beschädigungen einfach zulässt.
Häuser, die Generationen überdauern, verlangsamen den Bauzyklus, vermindern die Abrissrate und reduzieren somit den Bauabfall insgesamt.
Ishibadate-Fundamente sind zusammen mit Tsuchikabe-Lehmflechtwerk und der Kigumi-Konstruktionsweise ein Mittel, beständige Shinkabe-Wände zu schaffen.
5.Dochū Kankyō

Ebenso wie der architektonische Aspekt von Ishibadate beginnt der Umweltplanerische Aspekt mit der Aushebung des Erdbodens, woraufhin verkohlte Holzpfähle in die Erde getrieben und mit kleinen Natursteinen bedeckt werden. Die Fundamentsteine des Hauses werden daraufhin auf die verkohlten Holzpfähle gesetzt und in die Natursteinschicht eingebettet.
Die verkohlten Holzpfähle sowie das Natursteinbett dienen der Schaffung von Lücken und Zwischenräumen in der Erde um eine gute Luftpermeabilität zu ermöglichen, während die Oberfläche mit Ästen, Blättern und Vegetation bedeckt ist.
Im Vergleich zu einem Betonfundament wird die Verbindung zwischen der Oberfläche und der darunter liegenden Erde bei einem Ishibadate-Fundament nicht unterbrochen. Stattdessen wird Luft in die Erde zurückgeführt während Regenwasser wieder in den Boden einsickern kann.
Durch die Pflege eines gesunden Dochū Kankyō (土中環境, die natürliche Umwelt und das Ökosystem der Erde) bilden Pflanzenwurzeln und Pilzmyzel symbiotische Beziehungen, die es dem Boden ermöglichen zu atmen, ähnlich wie ein Ishibadate-Haus.
Auf atmender Erde mit natürlich keimenden Eicheln entsteht ein „Sämlinggarten“.
In diesem „Sämlinggarten“, in dem Pflanzen Wurzeln schlagen und Insekten und Vögel leben, gedeiht die Natur durch die Kraft der Lebewesen.
Die Erholung, Wiederbelebung und Aufwertung der natürlichen Umwelt wird durch die inherente Umweltplanung von Ishibadate erreicht.
6.Satochi-Satoyama

Die für den Bau von Ishibadate-Häusern verwendeten Materialien und Stoffe bestehen aus natürlichen Nebenprodukten des alltäglichen Lebens.
Um umliegende Berge zu erschließen werden die sich dort befindlichen Wälder stellenweise ausgelichtet und Wege geschaffen. Das dadurch gewonnene Holz wird für die Herstellung von Ständern, Balken, Brettern, Möbeln, Holzpfählen, Reisig und Brennholz verwendet.
Für den Reisanbau werden Reisfelder gepflegt und bewirtschaftet. Reisstroh wird bei der Herstellung von Putz, für Tatami-Matten und Strohseile sowie in Verbindung mit Lehm für Lehmflechtwände verwendet.
Bambushaine und Strohfelder werden erhalten und geschützt, und die dort geernteten Materialien werden als Stakung, für Gitterwerk und Dachstroh sowie für alltägliche Haushaltsgegenstände verwendet.
Orte, an denen diese Praktiken zusammenkommen, werden Satoyama genannt.
Satoyama-Landschaften haben durch menschliche Besiedlung vielfältige natürliche Lebensräume geschaffen und die Artenvielfalt deutlich bereichert.
Ishibadate-Häuser sind ein Beispiel dafür, wie Menschen im Einklang mit der Natur, mit Vögeln, Insekten und Pflanzen zusammenleben können.
0.Kolumne